Berliner Morgenpost
Datum: 13.07.2000
Ressort: Lokalanzeiger Zentrum West 
Autor: Volker Wartmann

 

Ateliers in der Blumenhalle
Das Krematorium Wilmersdorf entwickelt sich zum kreativen Raum - Die Pietät soll aber gewahrt bleiben

Wilmersdorf - Die Leichenhalle eine Kulisse für einen Liebesfilm, die Blumenhalle ein Atelier, die Verwaltungsräume Sitz eines Musikverlages - die Säle im Krematorium Wilmersdorf werden seit einigen Wochen und Monaten nach Jahren des Leerstands wieder genutzt. In Räumen des ehemaligen Verwaltungsgebäudes und in den verwaisten Blumenhallen haben mehrere Künstler ihre Ateliers und Arbeitsplätze eingerichtet. Die große und kleine Trauerhalle sollen in Zukunft neben ihrer eigentlichen Bestimmung auch für Konzerte und Lesungen genutzt werden. «Der Bezirk ist für vielfältige Nutzungsmöglichkeiten des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes offen», sagt Baustadtrat Alexander Straßmeir (CDU). «Hauptsache, die Aktivitäten sind mit der Pietät des Ortes vereinbar.» In den ehemals als Blumenhallen genutzten, weiß gekachelten Räumen hinter dem Krematorium hat Marlies-Kathrin Föllmer Anfang des vergangenen Jahres auf 180 Quadratmetern als Erste ihr Atelier eingerichtet. Die gelernte Krankenschwester ist hier als Urnen- und Sargmalerin tätig. Sie hält es für «eine furchtbare Vorstellung», nach einem «bunten, aufregenden» Leben in einem Sarg «Marke Eiche rustikal» beerdigt zu werden. «Man sollte am Sarg erkennen können, was für ein Mensch der Verstorbene war», sagt Frau Föllmer. Viele Kunden ließen ihren Sarg daher mit Reise- oder Hobbymotiven bemalen. Ihre bisherigen Aufträge bekam sie fast ausschließlich von Menschen, die einen Sarg für sich selbst in Auftrag gaben und das fertige Kunstwerk dann mit nach Hause nahmen.

In einem der drei Räume stehen die fertigen Produkte aufgereiht zu Demonstrationszwecken: Einen Sarg hat sie in Regenbogenfarben besprayt, einen anderen mit einem Kreuzfahrtschiff, Eisschollen und Pinguinen bemalt. Daneben steht das Modell «Urwald» mit Zebras, Affen und Giraffen. Ein anderes Exemplar ist mit bunten Federn beklebt und «popartig» gestaltet. Zwischen 1200 und 3000 Mark verlangt die Künstlerin für die individuell gestaltete «letzte Ruhestätte».

Auf die Idee, Särge zu bemalen, kam sie, nachdem vor einigen Jahren drei ihrer Freunde - «alle erst um die vierzig» - plötzlich und unerwartet innerhalb eines kurzen Zeitraums starben. Die «standardisierten, schwermütigen» Beerdigungen in «uniformen und tristen» Särgen hätten nicht zu ihren «lebensfrohen» Freunden gepasst, sagt Föllmer.

Ihren eigenen Sarg hat die Mittvierzigerin noch nicht gestaltet. Aber eine Vorstellung, wie er aussehen soll, hat sie schon: «Alle wichtigen Stationen in meinem Leben sollen darauf in Bildern festgehalten sein.»

Im und vor dem ehemaligen Pförtnerhäuschen präsentiert der Steinmetz Herbert Engler sein Grabsteinangebot. In Räumen des ehemaligen Verwaltungsgebäudes neben den Trauerhallen haben Dorothee Rupp und Rob Köhncke mit ihrem Musikverlag Nota Doro ihren Sitz. Hier ist auch die Bildhauerin Angelika Haselbach untergebracht.

Mit Hammer und Meißel modelliert Frau Haselbach in ihrem 24 Quadratmeter großen Atelier Skulpturen aus Speckstein. «Frauen in Bewegung» sind derzeit ihr Thema. Drei bis sechs Monate benötigt sie, bis eine ihrer 70 Zentimeter großen Figuren fertig ist. «Ich brauche so viel Zeit, weil ich ohne Maschinen arbeite», sagt die gelernte Kunsttischlerin.

Die Menschen, die den Friedhof besuchen, reagieren überwiegend «sehr positiv» auf die friedhofsuntypischen Aktivitäten, so Frau Haselbach. «Viele Besucher sind neugierig und schauen einfach mal rein.» Diese Offenheit der Menschen fasziniere sie an ihrem ungewöhnlichen Arbeitsplatz am meisten, sagt Frau Haselbach. Zudem fördere die klassizistische Umgebung die Kreativität.

Die ehemalige Leichenhalle und das stillgelegte Krematorium werden inzwischen häufig als Filmkulisse genutzt. Erst kürzlich drehte die Filmproduktionsfirma X-Film hier mehrere Szenen für einen neuen Kinofilm. «Es geht um eine Ost-West-Liebesgeschichte im Jahr 1982», erläutert Aufnahmeleiterin Anina Marsen. Dabei spiele auch der Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße eine wichtige Rolle. «Der Originalschauplatz an der Friedrichstraße und am Tränenpalast war als Drehort nicht geeignet», sagt Frau Marsen. «Dort ist nach dem Mauerfall alles umgebaut und modernisiert worden.» Die alte, weiß gekachelte Leichenhalle im Krematorium Wilmersdorf sei für diese Szenen ideal gewesen. Die Halle ist gegen Ende der 80er-Jahre außer Betrieb genommen worden. Frau Marsen schwärmt: «Mit ihren weißen Kacheln wirkt die Halle richtig ¸ostig´ und war dadurch eine optimal geeignete Kulisse für unseren Film.