Berliner Zeitung
Datum:
30.11.1999 
Ressort: Lokales 
Autor: Volker Wartmann 

 

Hell und freundlich: Trauerhalle renoviert

Im Modell "Urwald" unter die Erde
Marlies-Kathrin Föllmer bemalt Särge mit farbenfrohen Motiven nach den Wünschen ihrer Kunden

Ihr Arbeitsplatz befindet sich hinter dem Krematorium Wilmersdorf im linken Seitenflügel. In den ehemals als Blumenhallen genutzten, weiß gekachelten Räumen hat Marlies-Kathrin Föllmer auf 180 Quadratmetern ihr Atelier eingerichtet. Aus einem Nachbarraum dringt gedämpft Orgelmusik von einer Trauerfeier, in ihrem Arbeitsraum dudeln die Charts aus dem Kofferradio. Föllmer kniet vor einem auf zwei Holzböcken aufgebahrten Sarg und bemalt ihn mit bunten Acrylfarben. Seit knapp drei Jahren ist die gelernte Krankenschwester als Sarg- und Urnenmalerin tätig.

Reisemotive sind sehr gefragt

Die Malerin hält es für eine "furchtbare" Vorstellung, nach einem "bunten, aufregenden" Leben in einem Sarg "Eiche rustikal" beerdigt zu werden. "Man sollte am Sarg erkennen können, was für ein Mensch der Verstorbene war", sagt Föllmer. Viele Kunden ließen ihren Sarg daher mit Reise- oder Hobbymotiven bemalen, sagt Föllmer. Ihre bisherigen Aufträge bekam sie fast ausschließlich von Menschen, die noch leben und "ihren Sarg dann mit nach Hause nehmen". Angehörige dagegen kämen nur selten auf die Idee, ihre Verstorbenen in einem individuell gestalteten Sarg beisetzen zu lassen, sagt Föllmer. Sie hätten dafür keine Ruhe, seien zu sehr mit Beerdigungsformalitäten beschäftigt.

"Nur Eltern verstorbener Kleinkinder lassen deren Sarg manchmal mit farbenfrohen Bilderbuchmotiven bemalen", sagt Föllmer. Der größte Teil ihrer Kunden sei etwa 60 Jahren alt, sagt Föllmer. Diese Altersgruppe habe in der Regel zwar noch einige Lebenszeit vor sich, sei aber "lebenserfahren und mutig" genug, um selbst zu bestimmen, wie sie beerdigt werden wolle.

Auf die Idee, Särge zu bemalen, kam sie, nachdem vor einigen Jahren drei ihrer Freunde - "alle erst um die vierzig" - plötzlich und unerwartet innerhalb eines kurzen Zeitraums starben. Die standardisierten, schwermütigen Beerdigungen in "uniformen und tristen" Särgen hätten nicht zu ihren "lebensfrohen" Freunden gepasst, sagt Föllmer. Seit "Jahrzehnten" ist sie begeisterte Malerin. Das Handwerk hat sie sich autodidaktisch und in Kursen angeeignet. Ihr erstes Atelier richtete sie sich vor knapp drei Jahren in einer Kellerwohnung in Schöneberg ein. "Als dort die erste Lieferung mit Särgen ankam, bekamen die Nachbarn Stielaugen", erzählt Föllmer. "Die dachten, ich veranstalte spiritistische Messen."

Seit Anfang dieses Jahres hat sie die seit Jahren leer stehenden Räume auf dem Gelände des Friedhofes Wilmersdorf vom Bezirksamt gemietet. In einem der drei Räume stehen die fertigen Produkte aufgereiht zu Demonstrationszwecken: Einen Sarg hat sie in Regenbogenfarben besprayt, einen anderen mit einem Kreuzfahrtschiff, Eisschollen und Pinguinen bemalt. Daneben steht das Modell "Urwald" mit Zebras, Affen und Giraffen. Ein weiteres Exemplar ist mit bunten Federn beklebt und "popartig" gestaltet. Zwischen 900 und 2 000 Mark verlangt die Künstlerin für das Bemalen eines Erdmöbels. Ihren eigenen Sarg hat die Mittvierzigerin noch nicht gestaltet. Aber eine Vorstellung, wie er aussehen soll, hat sie schon: "Alle wichtigen Stationen in meinem Leben sollen darauf in Bildern festgehalten sein."

Auch einige Berliner Bestattungsinstitute bieten außergewöhnliche Gestaltungsmöglichkeiten für Särge an. Claudia Marschner aus Kreuzberg versucht seit 1992, Menschen dazu zu animieren, die Trauerfeiern für ihre Angehörigen selbst in die Hand zu nehmen und individuell zu gestalten. Angehörige können bei ihr die Särge für ihre verstorbenen Familienmitglieder selbst bemalen oder die Urnen zur Gestaltung nach eigenen Vorstellungen mit nach Hause nehmen. Marschner hat mit Plüsch oder Samt bezogene Särge im Angebot ebenso wie Modelle aus Korb- oder Rattangeflecht.

"In ,Eiche rustikal beerdigt zu werden ist eine furchtbare Vorstellung für mich. " M. Föllmer, Sargmalerin