Berliner Zeitung
Datum:
13.05.2000 
Ressort: Beruf u. Karriere 
Autor: Till Schröder 

 

BERUFSWEG
Marlies Föllmer, Sargdesignerin

Das Atelier von Marlies-Kathrin Föllmer befindet sich in ehemaligen Gewächshäusern auf dem städtischen Friedhof in Berlin-Wilmersdorf. Es ist ein passender, weil seriös wirkender Ort für ein Kunsthandwerk, das die 45-Jährige mit überraschend viel Fröhlichkeit betreibt: Seit Anfang 1999 bemalt Marlies-Kathrin Föllmer nach den Wünschen ihrer Kunden Särge und Urnen mit bunten Farben. 

Auf die Idee brachten sie mehrere Todesfälle im eigenen Bekanntenkreis. "Ein Sarg in Eiche rustikal ist so unpersönlich und uniform, dass ich oft nicht einmal wusste, ob ich auf der richtigen Beerdigung bin", sagt Föllmer. Deshalb habe sie angefangen, Särge individuell auf die Persönlichkeit des Verstorbenen abzustimmen.

Föllmer sprüht vor Leben, wenn sie über ihre Arbeit und ihr Privatleben spricht. Vor ihrer Ausbildung zur Krankenschwester betrieb sie zehn Jahre lang Leistungssport. Mit Beginn ihres Berufslebens machte sie Fallschirmspringen zu ihrem Hobby. "Ich lebe intensiv", sagt sie von sich. Auf ihrem rechten Oberarm hat sie eine Tätowierung, die ein indianisches Motiv zeigt. Das kommt nicht von ungefähr: Für Indianer war der Tod eine Reise. Über den Umgang mit dem Ableben in anderen Kulturen spricht Föllmer gerne und bewandert. Das Thema verliert so vollkommen seinen Schrecken, und so ist es wohl auch zu erklären, dass Spaziergänger, die zufällig das Atelier entdecken, auf ihre Arbeit wohlwollend und positiv reagieren. 

Föllmers Kunden sind Menschen, die durch ärztliche Prognosen das Ende ihres Lebens absehen können und versuchen, einen versöhnlichen Umgang damit zu finden. "Wenn die Leute merken, dass sie wichtige Dinge mitnehmen können, verlieren sie die Angst vor dem Tod", sagt die Künstlerin. In langen Gesprächen einigt sie sich mit den Auftraggebern auf eine individuelle Form der Gestaltung. So wird jeder Sarg zu einer Art Porträt. Manche Kunden haben feste Vorstellungen bis ins kleinste Detail. Die aufgemalten Motive erzählen aus ihrem Leben und versuchen mit Symbolen etwas von ihrer Lebenseinstellung festzuhalten. Neben Fotos der Angehörigen und der Haustiere werden etwa Naturgegenstände wie Rinde und Gras auf das Holz geklebt.

Föllmer selbst scheint eine Sache noch viel mehr als den eigenen Tod zu fürchten: Eine Bestattung in "Eiche rustikal". Ihr eigener Sarg wäre "surreal, voller Power, was eben so richtig Glut bringt".