Berliner Morgenpost
Datum:
02.12.2000 
Ressort: Berliner Kiez 
Autor: Guido Schirmeyer

Ein Bierchen am Sarg

Künstlerin stellt in Kneipe Varianten zur klassischen Eiche rustikal aus
Berliner Kiez: das Milieu, aus dem Kitschkultur pur kommt. Der Humus, auf dem die wunderlichsten Pflanzen wachsen. An der Wilmersdorfer Kneipe «Toni´s», vis à vis des Stadtbades, werden Freunde des Skurrilen derzeit ihre helle Freude haben.

Unter Plastikblumen, die girlandenweise von braunen Wagenradlampen baumeln, zischen ein paar Männer ihre Bierchen. Ärzte, Richter, Siemensarbeiter und «der Konsul», ein fröhlicher Angestellter der tunesischen Botschaft, treffen sich nach Feierabend in dem fassbinderschen Dekor. Einer löffelt Tonis Eintopf, ein anderer ist in die blinkenden Wandspielautomaten vertieft. Man hört Milva und verdrückt Buletten. Eine ganz gewöhnliche Berliner Kneipen-Szene, stünden da nicht unter einer Phönixpalme aufgebockt knallbunt bemalte Särge zwischen Tresen und Flipper, mit Motiven wie auf Motorradtanks. Auf den poppigen Sargdeckeln sind schillernde Urnen drapiert, mit roten Tulpen auf Silberbronze.

Sargkünstlerin Marlies-Kathrin Föllmer stellt klar: «Eine Lachnummer soll das hier nicht sein.» Marlies meint es ernst. Mitnichten sei sie pietätlos, wenn sie, wie beim Modell «Asia», für einen verunglückten Urlauber liebevoll Sonnenuntergänge an thailändischen Palmenstränden auf die Sargseitenwand male. Im Gegenteil: «Indem ich mit den Hinterbliebenen die Wunschmotive bespreche, investieren sie Trauerarbeit in den Sarg und die Trauerbewältigung kommt sofort in Gang.» Als ein totkranker 14jähriger Titanic-Fan einen Titanic-Sarg mit Delfinen bekam, sei die Mutter «schwer erleichtert» gewesen.

Belustigung überkomme beim Anblick ihrer bunten Särge nur diejenigen, die mit dem Thema überfordert seien. Traurig sei, wie Trauernden von monopolistischen Bestattern schmucklose, unverschämt teure Särge aufgedrängt würden. Seit ihrer Entrüstung darüber, dass drei verstorbene Freunde «einfach in Eiche rustikal gewandert sind», bietet die ehemalige Intensiv-Krankenschwester Särge «nicht von der Stange» an. Getischlerte Kiefer-Rohlinge besorgt sie sich für Stück 600 Mark in einer Weddinger Sargfabrik, «ohne Griffe, ohne Kehlverzierungen, ohne Schnörkel und ohne Rabatt.»

4200 Bestattungsunternehmen gibt es in Deutschland, die sich um 850 000 Verstorbene kümmern. Damit erzielt die Branche einen Umsatz von 3,5 Milliarden Mark. Ob Eiche, Fichte oder Kiefer - bei der Herstellung eines Sarges hat Qualität und Sicherheit Vorrang. Pappsärge, wie sie bei der diesjährigen Bestattermesse in Berlin propagiert wurden, sind in Deutschland noch nicht so bekannt wie im europäischen Ausland. Sie zerfallen zu schnell.

Die Dresdner Bestattermesse brachte ihr den ersten Deal: «Fünf kunterbunte Kindersärge für Münster», so die Bestellung erzkatholischer Bestatter. Bayern, West- und Norddeutsche ordern hemmungslos Föllmers Särge. «Nur die Berliner stellen sich nocht tot», beklagt die Sargkünstlerin. 1200 bis 3000 Mark kostet ein echter Föllmer-Sarg, 150 bis 350 die Urnen.

«Ich möchte einen Sarg mit Meereswellen», bestellte eine kerngesunde Kundin auf Vorrat, «weil ich so viele Kreuzfahrten gemacht habe». Auf dem «Porsche» unter Föllmers Sargmodellen prankt eine komplette Berlin-Skyline - samt Synagoge, Funk- und Fernsehturm. Die Autodidaktin dekoriert die Särge in den ehemaligen Blumenhallen des Wilmersdorfer Krematoriums. «Schließlich schmückt man sich sein Leben lang - warum nicht auch sein letztes Wohnzimmer ?»

Unerträglich ist für Marlies Föllmer, «dass Verwandte sich nie um eine schöne Kiste kümmern». Ein letztes Bier bekommt die Malerin vom Wirt Toni - auf den Sargdeckel. Noch einmal wirbt sie für ihre Geschäftsidee: «Wenn der Tote ein Surfer war, soll doch ´ne Welle auf den Deckel.» Wirt Toni meint, dass Föllmers Särge in seinem Schankraum eine anheimelnde Wirkung auf seine Stammgäste ausüben, selbst bei Schnupperkundschaft fänden die Friedhofsmöbel nach anfänglicher Verwirrung guten Anklang, manche klopften schon mal leise an die Kieferwände. Schnapsleichen haben allerdings keine Chance: «Probeliegen machen wir hier nicht.»